03 Oktober 2008

 

Rettet die Kleinanleger!

Oder: Ich hat einen Kameraden. Einen bessren ...

Als ich noch ein Kind war, liebte ich es, wenn an Beerdigungen das Lied "Ich hat einen Kameraden, einen bessren findst du nicht ..." voller Emotionen vorgetragen wurde. Das klang immer so überzeugend. Es bewegte mich, dass hier Menschen darunter litten, einen wirklichen Freund verloren zu haben.

Als Kleinanleger habe ich den Eindruck, dass dieses Lied in den Börsen-Top-Ten seit Jahren Platz 1 einnimmt. Ein Kleinanleger-Kamerad nach dem anderen stirbt dahin - nicht wirklich - nein er / sie verlassen das Börsenparkett und wenden sich anderen Anlagemöglichkeiten zu. Den anderen wird immer mulmiger zumute und es ist nur eine Frage der Zeit bis auch sie ihren Aktien lebe wohl sagen. Irgendwann wird niemand mehr dem Kleinanleger den Begräbnis-Hit singen - die Gattung ist ausgestorben.

Ich möchte heute vier Gründe für diese Tendenz nennen:

Grund 1: Jugendliche haben keinen Bock auf Aktien!
In meinem Aktien-Buch habe ich schon darauf hingewiesen, dass niemand sich so leicht mit Aktien ein Vermögen ansparen kann wie Jugendliche. Aber - sie beißen nicht an. Sparen ist out - und Aktien kaufen erst recht! Zu dieser Haltung trägt sicherlich die Job-Unsicherheit einen gewaltigen Teil bei!
Eins meiner Kinder hatte schon in der Ausbildungszeit damit begonnen, Kapital anzusparen. Nach Abschluss der Lehre verlor es seinen Arbeitsplatz - das Ersparte war nun im Weg - genauer gesagt: Mein Kind wurde von Vater Staat fürs Sparen bestraft - das Geld musste weg! ...

Grund 2: Kleinanleger verlassen das sinkende Schiff!
Darüber habe ich schon gesprochen. Und ganz ehrlich - auch hier empfinde ich so, dass unsere Regierung mit der Abgeltungssteuer ihr Schärflein dazu beitragen wird. Die Spekulationsfrist wird abgeschafft - man will bei Gewinnen sofort mit verdienen.
Einen anderen Gedanken möchte ich noch ansprechen. Auch wenn ich nur Kleinanleger anspreche, so summieren sich doch viele Kleinlager zu Großanlegern. Und da ist es doch gar nicht so abwegig, wenn die abspringenden Kleinanleger selbst am Sinken des Schiffes nicht ganz unbeteiligt sind!
Meines Wissens nach muss ein Schiff einen gewissen Tiefgang haben. Ansonsten sinkt es. Dafür werden bei einer Fahrt ohne Ladung die Ballasttanks geflutet. Natürlich sind Kleinanleger kein Ballast - aber auch sie geben dem Börsengeschehen Tiefgang. Ohne diesen Tiefgang / die Aktionäre (auch die Kleinaktionäre) sinkt das Börsenschiff!

Grund 3: Neueinsteiger haben kein Interesse an Börsen-Schulung!
Ja - trotz allem - es gibt auch Interessierte, die ins "Aktien"-Geschäft einsteigen möchten. Das macht Hoffnung! Hört man sie aber reden, dann wird einem schnell bewusst, wohin die Reise geht. Gestern waren sie noch mit Sparbuchzinsen zufrieden - heute sind sie schon Börsen-Profis, die sich über sicherheitsbewusste Kleinanleger lustig machen, mit Börsen-Fremdwörtern um sich schmeißen und einzig in Wertpapiere mit dreistelligen Renditen investieren!
Das große Spiel darf also von vorne beginnen. Sie haben nichts, aber auch gar nichts aus der jüngsten Vergangenheit gelernt. Irgendwann platzt dann wieder die Blase - die Enttäuschung hat noch mehr Anhänger - eine Anlage in Aktien wird noch unwahrscheinlicher.
Warum setzen sich solche Leute nicht einfach einmal auf ihren Hosenboden und investieren ein wenig in die grundlegenden Dinge des Börsengeschehens? Stattdessen saugen sie nur die Botschaften der Experten mit den hochspekulativen Angeboten auf.
Da lobe ich mir ein älteres Ehepaar, das mit um Rat fragte. Beide knappe 60 Jahre alt wollen Sie noch in Aktien anlegen - aber vorher sich eingehend mit der Materie beschäftigen.
Es gibt so viele Aktien-Einsteiger-Ratgeber. Warum investiert man nicht einfach einmal ein bisschen Geld und schult sich, bevor man große Reden schwingt!

Grund 4: Regeln waren schon immer doof - Börsenregeln dann natürlich auch!
Es ist leider so. Regeln sind unbeliebt. Außerdem gibt es ja auch keine Regel ohne Ausnahme - also stehe ich wieder vor der Frage, was die Regel der Regel ist.
Nun - eine Regel besagt, dass man in turbulenten Phasen Ruhe bewahren soll! Die Ausnahme der Regel besagt für die meisten Anleger: Gerate in Panik und verkaufe!
Wohl gemerkt - so extrem ich auch formuliert habe - "Gerate in Panik und verkaufe!" ist die Ausnahme - nicht die Regel! Aber im Moment lautet die Ausnahme "Bewahre in turbulenten Phasen die Ruhe!"
Ehrlich gesagt geht es bei diesem Handeln überhaupt nicht um Regeln. Die Masse rennt dahin - aus Sicherheitsgründen folge ich, denn bei der Masse ist ein sicheres Zuhause. Wirklich?!
Es gibt sicherlich gute Gründe, die Ruhe nicht zu bewahren. Wenn ich zum Beispiel nur hochspekulative Aktien im Depot habe, dann darf ich ruhig nervös werden und zu retten versuchen, was noch zu retten ist!

Zum Schluss noch ein paar ganz persönliche Auf- und nicht Nachrufe:

Liebe Jugendliche! Bitte denkt - trotz aller Widrigkeiten im unsicheren Berufsleben - auch an Eure Altersvorsorge. Mit einem geringen Einsatzkapital lässt sich in 40 Jahren ein gewaltiges Sümmchen ansparen.

Liebe scheidende Kleinanleger! Lasst Euch nicht zur Panik verleiten. Mit unnötigen Verkäufen sägt Ihr - um nochmals ein anderes Bild zu verwenden - den Ast ab, auf dem Ihr sitzt!

Liebe Neueinsteiger! Belegt eine Börsen-Grundausbildung und absolviert eventuell noch eine Weiterbildung. Fallt um Himmels willen nicht auf die "ganz großen Gewinne" herein.

Liebe Kameraden! Im Leben geht es nicht ohne Regeln - auch nicht im Börsen-Leben. Haltet Euch an diese Hilfen. Definiert genau, welches die Regel und was die Ausnahme ist. Und falls Ihr Euch einmal für eine Ausnahme entscheidet, dann solltet Ihr gute Gründe dafür haben!

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